Sichtbarer Ausdruck einer Zeitenwende

20.07.2018

In naher Zukunft soll das alte Hauptgebäude auf dem Gelände der Diakonie Kork abgerissen werden, in dem über 100 Jahre lang Menschen mit Behinderungen gelebt haben. Der Gebäudezuschnitt ließ eine sinnvolle Nachnutzung des Hauses nicht zu.

Hauptgebäude

Für viele Menschen ist auch heute noch das 1904 eröffnete Hauptgebäude das Herzstück der Diakonie Kork. Jahrzehntelang war es der Inbegriff der Korker Anstalten, bis nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Wohngebäude hinzukamen, erst auf dem Gelände der Diakonie Kork, später auch in den Ortschaften der Umgebung. „Für uns ist der Abriss auch ein symbolischer Ausdruck der inhaltlichen Veränderung“, so der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Kork, Frank Stefan. „Menschen mit Behinderungen werden heute nicht mehr in kasernenartigen Strukturen untergebracht, sondern leben dezentral in kleinen familienähnlichen Wohngruppen zusammen.“
Früher fand fast das komplette Anstaltsleben in diesem Gebäude statt. Bis zu 100 Menschen wohnten, lebten und arbeiteten hier. Die Raumaufteilung in dem über 100 Jahre alten Gebäude, das mit großen Schlaf-, Aufenthalts- und Speisesälen speziell für die Betreuung von Menschen mit Behinderungen errichtet wurde, ist längst nicht mehr zeitgemäß. Heute ist Konsens, dass auch Menschen mit Behinderungen Recht auf Privatsphäre haben und einen getrennten Wohn- und Arbeitsalltag erleben dürfen.
Lange wurde nach einer Lösung für das alte Gebäude gesucht, das seit zwei Jahren leer steht. Ein Umbau nach den gesetzlichen Richtlinien, nach denen jedem Bewohner ein Einzelzimmer mit eigenem Bad zusteht und nicht mehr als 24 Personen in einem Haus leben sollen, war nicht möglich. Die Überlegung, die Verwaltung in dem historischen Gebäude unterzubringen, scheiterte vor allem an den Kosten: „Wir wollen unsere finanziellen Ressourcen nicht in die Verwaltung stecken, sondern lieber neue Wohnheime bauen“, so Frank Stefan. Auch die Suche nach Investoren, die das Gebäude in Wohn- oder Büroraum umwandeln, blieb erfolglos.

Ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner und Mitarbeitende nahmen in einer kleinen Feier Abschied von dem über 100 Jahre alten Hauptgebäude, das nun abgerissen wird. Links der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Kork, Frank Stefan.

Am Donnerstag trafen sich ehemalige Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitende vor dem Hauptgebäude, um von dem Haus Abschied zu nehmen. Herbert Baum kam 1971 nach Kork und lebte elf Jahre im Hauptgebäude, bevor er in eine Wohngruppe umzog. „Wir waren zu sechst im Schlafsaal, und jeder hatte sein eigenes Radio“, erzählt er. „Da war was geboten!“ Die Waschbecken hingen im Flur, bei der Morgentoilette standen die Bewohner in Reih und Glied nebeneinander. Gemischte Gruppen waren zu jener Zeit undenkbar. Es gab einen Männer- und einen Frauentrakt wie auch nach Geschlechtern getrennte Gärten.
Arbeitserzieher Guido Fleig kam 1978 als Praktikant ins Haus und wurde in der Männerwohngruppe III eingesetzt, die unter dem Dach lag und schon mit Mehrbettzimmern ausgestattet war. Er erinnert sich gerne an die Zeit zurück – die jungen Männer, die er betreute, waren in seinem Alter und vergleichsweise wenig beeinträchtigt gewesen: „Diese Menschen würden heute draußen im Ambulant Betreuten Wohnen leben“, sagt er.
Auch wenn so manche Erinnerung an dem Haus hängt, das die Losung „Gott der Herr ist Sonne und Schild“ trägt, wünscht sich letztlich niemand die Ära der düsteren, großen Schlafsäle zurück. „Es ist Zeit, das Alte hinter sich zu lassen und neue Wege zu gehen“, betont der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Kork, Frank Stefan.

 

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für Kinder mit Epilepsie

Ein Patient der Epilepsieklinik für Kinder und Jugendliche dankt mit einer Spendenaktion für die erfolgreiche Behandlung.

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Das Epilepsiezentrum Kork trägt die EpilepsieBeratungsstelle in Kork mit einer Außenstelle in Karlsruhe.

Menschen ohne Lautsprache oder mit eingeschränkten Möglichkeiten zur Artikulation erhalten umfassende Beratung über technische und nicht technische Hilfsmittel in der Beratungsstelle "Unterstützte Kommunikation".

Hier gibt es Wissenswertes zur Krankheit "Epilepsie".

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Das "Modellprojekt Epilepsie" unterstützt die berufliche Integration junger Menschen mit Epilepsie und weiteren Beeinträchtigungen.

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